Sonntag, 30. März 2008

Das sind nur Worte, die wollen nur spielen

Vorspiel in der Trinkhalle

Wirt
Alter ey, wie geht's eigentlich dem Sven?

Trinker
Hä, wer ist Sven und warum sagst Du eigentlich DEM Sven? Bist Du schwul oder was?

Wirt
Ey, der Sven der grad so in Manila abhängt. Der, der sonst in Münster so konkret zur Uni geht. Da sagen die das krass so mit nem Artikel vor’m Namen.

Trinker
Ach so, voll bescheuert. Naja, egal. Der ist doch bestimmt nur am saufen und pimpern da DRÜBEN - oder UNTEN - Wo ist das überhaupt? Manila und was ist die Hauptstadt von dem verfickten Land?

Wirt
Keine Ahnung. Ey lang nix von dem gehört. Der meldet sich ja nie. Liegt bestimmt nur in der Sonne und lässt es sich gut gehen. Noch’n Pils? Bitte
Nee, der muss glaub ich auch arbeiten, so, weil der so’n Praktikum macht.
Der und arbeiten – glaub ich nicht. Der ist doch so was von faul. Ist mir jetzt auch zu anstrengend da jetzt drüber nachzudenken.

Trinker
Ey, komm mal klar! Ich glaub der hat so was in Internet, wo Du gucken kannst was der so macht. Musste nicht denken, kannste lesen. Danke. Ich sach mal: PROST!

Wirt
Ja

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Also, wenn Dir dieser Dialog bekannt vorkommt gehörst Du wahrscheinlich nicht zu meinem eloquenten Freundes- oder Familienkreis. Also noch mal speziell für Dich: „Mach die Biege, Digger! Privatgelände hier!“

Sollte Dir aber auch als Bildungsbürger die eine oder andere Frage aus dem obigen Dialog bekannt vorkommen, und was mich beschäftigt und womit ich mich beschäftige Dich mehr interessieren, als der Sack Reis der in China umkippt, so erfährst Du es hier aus erster Hand. Ich werde mich dabei bemühen, sämtliche kommunikationswissenschaftliche Nachrichtenwerte (Winfried Schulz, 1976) zu bieten: Zeit, Nähe, Relevanz, Status, Dynamik, Valenz, Identifikation. Ansonsten bemühe ich mich auch um korrekte Rechtschreibung und Grammatik. Sollte Dir meine Rhetorik schon jetzt auf die Nerven gehen, dann sei beruhigt. Ich weiß auch noch nicht, wie lange ich das durchhalte, aber ich versuche eben mal mich hier etwas interessant zu machen. Es könnte aber auch an einem gewissen Schlafmangel und dem extremen Eindrucks-Overflow liegen, dem ich hier seit meiner Ankunft ausgesetzt bin.

Diese Überleitung soll ausreichen werden um das Intro zu beenden und in medias res zu gehen, was im Moment bedeutet in gemütliche 6 Quadratmeter mit hartem 5-Zentimeter-Matratzen-Bett und Klimaanlage in einem Hostel im Ausgehviertel Malate. Hier werde ich die ersten Tage verbringen, bis ich eine Wohnung gefunden habe, die erschwinglich und einigermaßen sicher ist und verkehrsgünstig liegt. Aus dem Fenster ist heute am Sonntag um halb neun das erste Mal ein freier Blick auf den Asphalt möglich. Sonst ist er mit den zahlreichen Verkehrsmitteln bedeckt, die sich ohne scheinbare Ordnung und Regeln durch die dampfenden Straßen schieben.

Einen engeren Kontakt zu einem durfte ich bereits gestern genießen. Kurz stand ich zögernd am Straßenrand und versuchte mir einen Überblick über die Straße zu verschaffen, die zwar zweispurig und Einbahn war, aber mindest vierspurig genutzt wurde. Irgendwann meinte ich im hupenden und dröhnenden Chaos eine Lücke entdeckt zu haben. Angetrieben von zuviel jugendlicher Hybris und einer Portion Machismo inspiriert durch die beiden mich begleitenden jungen Damen entschied ich mich zum Kurzstreckenspurt über die Straße. Das nahende Gefährt, blieb auch brav stehen um mir die letzten Schritte Weg zum nahen Kantstein zu ermöglichen. Der Jeepney ist eine ziemlich ausgefallene Art des Öffentlichen Personennahverkehrs. Diese Armeejeeps sind zu Bussen umgebaut und extrem gepimpt mit allem was laut und bunt ist: Hupen, Bibelsprüche, fette Anlagen, diverse Rückspiegel usw. Mit der Folge, das sie stinken, knattern und alles beschallen. Sie sehen aber verdammt cool aus und die Fahrer sind es auch. So wie auch dieser, der mich freundlich angrinste, so dass ich mich in Sicherheit wähnte. Formen und Farben des Jeepneys sind aber auch bestens geeignet um anderes und Gefährlicheres zu verdecken. So auch den Mofafahrer, der die Gelegenheit nutzte um rechts zu überholen. Beim letzen großen Schritt auf den Bürgersteig hörte ich von rechts grell kreischende Reifen, als er eine Vollbremsung hinlegte und mich trotzdem gut erwischte. Der Fahrer und ich fanden uns auf der Straße wieder. Ihm und den umstehenden Straßenverkäufern war ein ordentlicher Schreck anzumerken. Das Angebot: 'Do you want to go to the Hospital?' lehnte ich ab, nachdem ich realisierte, dass ich nur ein paar kleine Schrammen abbekommen hatte. Die Aussicht, dass er mich mit seinem Mofa zum Krankenhaus fahren würde erschien mir eher gefährlich. Lieber nutzte ich die winehour im Hostel um reichlich french medicine - rot, trocken, 12% - zu nehmen. Eine altes Geheimrezept des französischen Backpackers, der damit seine entzündete Wunde am Fuß von innen behandelte.