Ihr letzter Tag, 10.10.2008, Frankfurter Rundschau:
Im Süden der Philippinen herrscht wieder Krieg. Die muslimische Rebellenarmee und Regierungstruppen kämpfen um die Vorherrschaft. Bailyn Mandi geriet zwischen die Fronten. Sie wurde nur zehn Jahre alt
Bailyn stirbt mit Publikum. Auf der Bahre eines namenlosen Krankenhauses, gleich hinter der staubigen Landstraße, die das Dörfchen Datu Piang im Süden der Philippinen mit der Welt verbindet. Ihre dürren Arme baumeln herab. Der linke Oberarm ist zerfetzt, Knochen ragen aus einem Loch, in dem Fliegen schwirren. Der rechte Oberschenkel ist durchschossen, die Hüfte absurd verrenkt. Blut, überall Blut.
Ein Arzt? Der hat sich seit Wochen nicht mehr blicken lassen. Zu unsicher die Lage, und es heißt, dass die Rebellen Ärzte entführen, um ihre Verwundeten zu behandeln. Medikamente sind nicht zur Hand, auch kein Verbandszeug für die Wunden; ein Aspirin muss reichen.
Neben Bailyn zittert ihr Bruder Jamaluddin auf einer Bank, weniger schwer verletzt und unter Schock. Ein blutverschmierter, blasser, dünner Junge, der an seinen Nägeln kaut und seiner Schwester beim Sterben zuschaut.
Das Mädchen atmet kaum mehr. Menschen stehen um die Bahre; drängeln, schubsen, recken Hälse, manche schießen Fotos mit ihren Mobiltelefonen. Es wird gelacht und gequasselt, als ginge es auf den Rummel. Blut tropft auf weiße Fliesen, und das Leben fließt aus Bailyn heraus.
Bald begreifen auch die Schaulustigen, dass es für den schmächtigen Körper, der vor ihnen auf der Bahre zuckt, keine Rettung gibt. Ein Murren geht durch die Menge; aus Neugierde wird Bestürzung, Wut, Hilflosigkeit. Eine Schwester massiert noch eine Weile den Herzmuskel, dann wendet auch sie sich ab. Bailyn wurde zehn Jahre alt. Auf ihrem T-Shirt steht: Das Leben ist gut.
Mindanao, die südlichste Insel der Philippinen, ist Schauplatz von Asiens längstem Konflikt. Eine 400 Jahre währende Fehde zwischen den Moros, den moslemischen Ureinwohnern, und den zugewanderten Christen. Die Jahrhunderte vergehen wie in einem Raubritterroman. Erst die Spanier, dann die Amerikaner und später, nach der Unabhängigkeit, die Philippiner. Sie alle kolonisierten die Insel, ihre Schiffe spuckten christliche Missionare und Siedler aus. Und die Moslems wurden langsam zu einer Minderheit in ihrer Heimat, fühlen sich bis heute benachteiligt, unterdrückt. Eine Art philippinisches Tibet, nur ohne Dalai Lama. In diesem Konflikt geht es um Macht, Einfluss, Rechte, Rohstoffe, Unabhängigkeit. Und um Stolz.
Sie wollen wieder wer sein, so wie damals, als die Sultane herrschten, verkünden die Moros. Aber vor allem geht es darum, das Land der Ahnen zu verwalten und zu besitzen, weil die Moros es als ihr rechtmäßiges Erbe betrachten. Seit den 70er Jahren kämpft die Moro Islamic Liberation Army (Milf) in einem Guerillakrieg gegen die philippinische Regierung um mehr Autonomie. Keiner will teilen, jeder will alles für sich. Eine Tragödie im Windschatten der Weltöffentlichkeit.
Die Nachbarinsel Jolo, auf der die islamistische Rebellengruppe Abu Sayyaf immer wieder Anschläge verübte, beherrschte vor sieben Jahren kurzzeitig die Schlagzeilen in Deutschland. Abu Sayyaf hatte Touristen vier Monate lang als Geiseln gefangen gehalten, unter ihnen die Göttinger Familie Wallner.
Mehr als 30 Jahre nach Beginn des Konflikts, nach rund 120 000 Tote schien der Frieden plötzlich so nah wie nie. Für ein paar kurze Wochen machte sich Hoffnung auf Mindanao breit. Anfang August dieses Jahres beschlossen die Milf und die philippinische Regierung schließlich, ein Abkommen zu unterzeichnen, das den Moros mehr Autonomie zusichern sollte. Die Menschen in Mindanao begannen, von geteerten Straßen, mehr Jobs und besserer Schulbildung zu träumen. Es blieb ein Traum: Im letzten Augenblick stoppten christliche Politiker vor einem philippinischen Gericht die Unterzeichnung mit der Begründung, nicht alle betroffenen Bevölkerungsgruppen wären an dem Verhandlungsprozess beteiligt gewesen.
In den drei Jahren zuvor hatten sich die Kriegsparteien auf Verhandlungen konzentriert, anstatt sich umzubringen - alles mit dem Ziel eines endlich dauerhaften Friedens. Das Scheitern machte alles zunichte, alles schlimmer. Seither herrscht Gewalt wie seit vielen Jahren nicht mehr. Gewundert haben sich darüber wenige in Mindanao; das Leben besteht hier aus Negativmeldungen und bösen Überraschungen.
Unmittelbar nach dem Ende der Friedensverhandlungen brannten zwei abtrünnige Milf-Kommandeure, Commander Bravo und Commander Kato, aus Wut und Enttäuschung christliche Dörfer nieder, massakrierten die Anwohner und plünderten Häuser. Die Armee schlug zurück. Dutzende starben in diesen ersten Augusttagen.
Wochen später, an ihrem letzten Morgen, zieht das Moro-Mädchen Bailyn Mandi aus der Siedlung Butilen ihr Lieblings-T-Shirt an. Es ist rosa, mit einem Herzen auf der Brust. Dazu trägt sie einen grünen Rock. Hinter ihr steht ihre Mutter Delma Mandi. Bailyn solle sich beeilen, drängt sie, die Soldaten seien schon ganz nah, man müsse schleunigst verschwinden. Wie so oft.
Gefechte und Flucht sind nun die Gezeiten ihres Lebens, so regelmäßig wie Ebbe und Flut. Routine, jeder Handgriff sitzt; Reis und Gemüse für ein paar Tage einpacken, eine Plastikplane gegen den Regen, mit dem Boot übersetzen in das fünf Kilometer entfernte Datu Piang, das größte Dorf der Gegend, und dann warten. Warten, dass die Zeit vergeht, die Kämpfe enden und sie wieder in ihre Hütte zurückkehren können.
Schon in der Nacht flüsterten sich die Männer in der Siedlung Butilen zu, dass sich Hunderte von Regierungstruppen in der Gegend positionierten; sie kämen in Lastwagen und seien schwer bewaffnet. Das konnte nur eines bedeuten: Ein Angriff stand unmittelbar bevor. Ein Gerücht besagte, dass Commander Kato in der Nähe sei, verwundet und in die Enge getrieben.
Die Provinz Maguindanao ist das Epizentrum des Krieges, überwiegend moslemisch und arm. Auf den Hügeln gedeiht Marihuana, das macht das Leben erträglicher. Die meisten Menschen beenden nicht die Schule, Hahnenkämpfe und Karaoke lassen die Zeit schneller vergehen, Strom gibt es nur stundenweise. Hier, in den endlosen Sümpfen, sollen sich die Gesuchten Kato und Bravo verstecken; auf die inzwischen ein Kopfgeld von jeweils zehn Millionen Pesos ausgesetzt wurde, etwa 150 000 Euro - tot oder lebendig.
500 000 Menschen befinden sich derzeit auf der Flucht, und täglich werden es mehr, die ihren Besitz in Schubkarren oder Motorrikschas transportieren. Sie schlagen ihr Lager entlang der Schotterstraßen am Rande von Datu Piang auf, in Schulen, in Moscheen und auf Sportplätzen. Ein Lindwurm aus bunten Plastikplanen, Jutesäcken und wackeligen Unterkünften, zusammengeschustert aus Wellblech und dürren Ästen. Ein Flickenteppich des Elends, der ständig größer wird, die Menschen leiden unter Hunger, Denguefieber und Ruhr.
Der Ausnahmezustand ist hier Alltag. Öffentliche Schulen bleiben geschlossen, die Felder können nicht bestellt, geschweige denn geerntet werden. Das Leben dreht sich um das Sammeln von Neuigkeiten und Gerüchten. Sind die Soldaten wieder abgezogen? Wo befindet sich die Milf? Gab es neue Kämpfe oder Plünderungen? Fragen, die die Zeit bestimmen, unterbrochen nur durch die Stunden der Mittagszeit, wenn die Sonne alle in den Schatten treibt. Das Leben im Flüchtlingslager ist ein Vakuum, in dem Zeit nicht existiert.
Während Familie Mandi eilig ihre Habseligkeiten packt, rücken mehrere Einheiten der 601. Brigade Richtung Butilen vor. Ihr Auftrag, so lautet nun das Gerücht, sei es, Commander Kato zu töten oder festzunehmen. Außerdem sei da noch eine Rechnung zu begleichen. Drei Wochen zuvor entführten Katos Milf-Rebellen einen Sergeanten der philippinischen Armee, brachten ihn in ihr Lager, töteten und vergruben ihn. Jetzt, so sagt man sich, wollten die Soldaten seine Leiche holen.
Vorsichtig müssen sie sein. Kato hat ein Heimspiel, hier ist er aufgewachsen, kennt jeden Strauch, jedes Versteck, und auf die Loyalität der Dorfbewohner kann er sich verlassen. Langsam, ganz langsam kämpfen sich die Regierungstruppen vorwärts durch Sumpf und Gestrüpp. Dann fallen Schüsse.
Kurz darauf kreisen Hubschrauber und Flugzeuge der philippinischen Armee über Datu Piang und den umliegenden Sümpfen. Maschinengewehre rattern, Granaten explodieren; eine Klangwolke, die kilometerweit zu hören ist. In den Straßen von Datu Piang drängeln sich die Geflüchteten.
Als die Granaten fallen, sitzt Bailyn schon mit ihrer Familie in einem von zehn Booten, in denen die Flüchtlinge über die Sümpfe nach Datu Piang fliehen. Hinter ihnen Palmen, Bananenstauden, Reisfelder - und in der Ferne schwarzer Rauch. Sie sitzt ganz vorne in dem Kanu, das ihre Familie in Sicherheit bringen soll. Sie sitzt vorne, weil sie die Fische sehen will, die manchmal aus dem Sumpf hüpfen, wenn sich der Bug durch die Wasserlilien kämpft. Hinter ihr sitzen die Geschwister; die siebenjährigen Zwillinge Kim und Adtaya, die 14-jährige Faiza, die im dritten Monat schwangere Aida, 18, und Jamaluddin, 14.
Die Hubschrauber am Himmel und die Flugzeuge, die im Tiefflug über ihre Köpfe brummen, beunruhigen niemanden. Ebenso wenig das Donnern der Granaten, die hinter den Fliehenden im Dschungel niedergehen. Soldaten schießen nicht auf Frauen und Kinder, sagen die Flüchtenden. Doch in ihren Booten haben sich auch Rebellen versteckt. Einer von ihnen dreht plötzlich durch. Mit seinem Maschinengewehr beschießt er die Flugzeuge - und macht die Flüchtenden zu Zielscheiben. Manche Zeugen werden später erzählen, wie Bailyn dem Piloten noch zuwinkte, als er die Schnauze seiner Maschine senkte und das Boot anvisierte. Eine Rakete trifft es nur einen Wimpernschlag später.
Oberst Marlou Salazar wollte retten, was er Heimat nennt. Als Offizier der philippinischen Armee soll er für die Sicherheit von Maguindanao sorgen. Seit drei Monaten ist er auf diesem Hügel stationiert, sein Hauptquartier, 30 Kilometer von Datu Piang entfernt. Von hier oben kann man kilometerweit in alle Richtungen sehen. Eine Festung aus Stacheldraht und Sandsäcken, die nur über einen steilen Feldweg zu erreichen ist. Und eine Zeitlang sah es tatsächlich nach Frieden aus. Fünf Stunden, nachdem seine Leute auf Zivilisten geschossen haben, sitzt Oberst Salazar unter einem Tarnnetz und pult das Schwarze unter seinen Fingernägeln heraus. Ständig klingelt das Telefon, Reporter stellen Fragen, auf die er keine Antwort weiß: Tote Kinder?... sind Sie sicher? ... Nein, er wisse nicht, wie das passieren konnte ... Ja, er werde diesen Fall gründlich untersuchen... vielleicht waren es ja Kindersoldaten der Milf... - und nach jedem Gespräch scheint es, als wenn er in sich zusammenfiele.
Die Uniform hat er abgelegt, über seinen Bauch spannt sich ein weißes Unterhemd, die Füße stecken in Flip Flops, und er sieht aus, als hätte er Magengrippe. Er raucht, zieht den Rauch tief in die Lunge, die Finger krampfen sich um den Filter. "Tote Kinder, oh mein Gott", sagt er.
Oberst Salazar wollte an diesem Morgen vielleicht so etwas wie ein Held werden. Ja, sagt er, er wollte Kato erwischen. "Immerhin haben wir die Leiche des Sergeanten bergen können." Es klingt wie eine Entschuldigung.
Am späten Nachmittag dieses Schicksalstages sitzt Delma Mandi, Mutter von zehn Kindern, in dem winzigen Pfahlhaus ihres Onkels, wo fünf ihrer Kinder aufgebahrt liegen. Sie blickt hinaus in die Sümpfe, wo sie sie verlor. Nach und nach hatte man sie aus dem Sumpf gezogen. Zuletzt hatte ein Krankenwagen Bailyns Leichnam vor die Veranda gefahren.
Delma Mandi fährt sich über das Gesicht, schweigt, versucht zu lächeln. Die Lippen wie blutleer. In einem Raum liegt die 18-jährige Aida, frisch verheiratet und im dritten Monat schwanger. In einem anderen Zimmer liegen die vier Kinder; Kim, Adtaya, Faiza - und Bailyn, die immer noch den Infusionsbeutel im Arm hält.
Ein Mann beugt sich über die Kinder und schließt ihnen die Augen. Vorhin hielt ein Trupp Soldaten vor dem Pfahlhaus des Onkels. Delma Mandi dachte im ersten Augenblick, dass sie gekommen waren, um auch sie zu töten. Aber die Männer entschuldigten sich, ließen ein paar Säcke Reis zurück und drückten Mandi 5000 Pesos in die Hand, als Wiedergutmachung - umgerechnet 75 Euro. Manch ein Soldat soll geweint haben. Sie japst nach Luft, versucht zu reden, hat keine Stimme mehr. Sie zuckt und zittert, greift nach einem Tuch, das sie tief in die Augen drückt.
Bailyn Mandi, schmal und dünn, mit den Ohrringen, die sie niemals ablegte, wird fortgetragen. Als man sie und ihre Geschwister in die Erde lässt, regnet es. Ihre Mutter steht vor der Grube, ganz stumm. Und am Himmel kreisen Hubschrauber.
Von Carsten Stormer
